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Stargard - eine Festung - im Winter 1944 / 45 - Am Sonntag, 11. Februar 1945, fuhr ein Mann mit auf dem Fahrrad durch die Strasse. Er war in die braune Naziuniform gekleidet du blies auf einer Trompete: " Alle haben die Stadt in den naechsten ... Stunden zu verlassen. Die Stadt muss evakuiert werden!" Als meine Freunde und ich vom Skifahren nach Hause kamen schrien die Leute: "Die Russen kommen ... die Russen!" Inzwischen hatten sie alles was sie besassen auf Schlitten geladen, Kinderwagen, kleine Handwagen, mit Handtaschen, Koffern. Saecke aus Decken genaeht. Fertig zum Entfliehen, in Richtung Westen, nach Stettin (gehoert jetzt zu Polen: "Szczecin" an der Oder), die frostige Hauptstrasse entlang.
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Wir wussten nicht, dass die Stadt durch den Garnisons-Kommandanten zur Festung erklaert worden war. Festung zu sein bedeutete, Hitler hatte befohlen, sie solange zu verteidigen, wie noch ein Stein auf dem anderen stand, bis der letzte Soldat "gefallen", getoetet war, als ein Held fuer "Fuehrer, Volk und Vaterland!" Unter den aelteren Soldaten befanden sich viele junge: 16, 17, 18 Jahre alt. Waehrend vieler Jahrzehnte hatten die deutschen Lehrer an den Gymnasien vorgebetet: "Dulce et decorum est ...!" Es ist suess und ehrenvoll fuer das Vaterland zu sterben! Die Schueler glaubten den Luegen eines Hitler und Dr. Goebbels, und sie verteidigten die Stadt, so wie sie zuvor gesungen haben: "... wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben faellt, denn heute gehoert und Deutschland und morgen die ganze Welt!" Jetzt wurden viele, so sehr viele von ihnen getoetet, darunter auch mancher meiner aelteren Schulfreunde. Unser protestantischer Pfarrer schreib dazu in seinen Lebenserinnerungen: "Die Leichen der Menschen wurden zu Haufen gestapelt ... es waren zu viele und da war auch niemand mehr, der sie in dem hart gefrorenen Boden beerdigen konnte!"
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Mein Grossvater brachte uns zu einem sehr langen Eisenbahnzug. Hinter der Lokomotive befanden sich sieben geschlossene Gueterwaggons, dann folgten etwa fuenfzig offene Plattenwagen und am Ende noch ein geschlossener Gueterwaggon. Viele Leute versuchten, da hinein zu kommen, wir schafften es, meine Grossmutter, meine Mutter, Grossvater, eine Tante und ich. Meine Mutter hatte mir so viel wie moeglich an Kleidung angezogen, zwei Unterhosen, zwei Hosen, zwei Pullover. Die Frauen, die sonst Kleider oder Roecke trugen, hatten die Hosen ihrer Maenner angezogen wegen der extremen Kaelte.
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Die Lokomotive pfiff und der Zug setzte sich in Bewegung. Am naechsten morgen hielt er irgendwo an. Jedermann stieg aus, jeder hatte ein kleines oder großes "Beduerfnis". Die wenigen Maenner gingen hinter den Waggon, die Frauen liefen weit weg, versuchten, sich hinter einem Baum zu verstecken. Was fuer eine beschaemende Situation. Jetzt, sechs Jahrzehnte spaeter, versuche ich, die Demuetigung, die Erniedrigung der Juden zu verstehen, wenn sie, schlimmer als Vieh, in die Vernichtungslager geschickt worden sind. Wir sind doch alle sehr schamhaft erzogen worden, ich habe niemals meine eigene Mutter nackt gesehen! Dann pfiff die Lokomotive erneut und alle mussten sich beeilen, wieder in den Wagen zu kommen.
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Die Menschen auf den Plattenwagen? Waehrend der Nacht war es sehr, sehr kalt. Augenzeugen berichteten: "Viele Leute sind zu Tode erfroren. Andere haben sie vom Zug geworfen. Was sollten sie auch sonst tun?" Niemand konnte seine geliebten Verwandten beerdigen. Es gab nur eine Idee: "Fliehen, fliehen, fliehen, die Russen kommen, sie werden unsere Eltern töten, unsere Kinder verschlingen, unsere Frauen vergewaltigen, unsere Haeuser verbrennen!" Mag sein, dass manches sich ereignete, ich habe keinen russischen Soldaten gesehen, der eine Grossmutter ermordete, ein Kind gegessen oder eine Frau vergewaltigte! Doch die Nazipropaganda tat ihre furchterregende Arbeit. Wir hatten keine Informationen welche Kriegsverbrechen die "Wehrmacht", die deutschen Truppen, in ganz Europa getaetigt hatten, wir hatten keine Informationen ueber den Holocaust an den Juden. Wir hatten keine Informationen ueber die verhungernden sowjetischen Kriegsgefangenen in den Lagern.
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Eines Tages, im Religionsunterricht, schauten wir aus dem Fenster: Sechs, sieben hungrige sowjetische Kriegsgefangene, schmutzige, zerrissene Uniformreste, ermuedet, nur noch Haut und Knochen. Unser Pfarrer sprach ueber "Liebe deinen Naechsten!": "Diese Maenner dort draussen sind unsere Naechsten ebenfalls!" Wir Kinder lachten hinter der Hand: "Was fuer ein dummer Narr ist er, unser Pastor? ... das sollen unsere Naechsten sein!" Falls das einer von uns in der Schule oder anderswo erzaehlt haette, unser geliebter Pastor waere "unerwartet verstorben", erschossen von einem Nazi - Polizeioffizier. Im Kriegsgefangenenlager in Stargard gab es 30 000 Kriegsgefangene, die von 500 Kalorien am Tage leben mussten. Spaeter, nach 1945, erzaehlte mir meine Mutter: Sterbende, noch atmende Kriegsgefangene sind auf den Friedhof gebracht worden um beerdigt zu werden - noch lebend.
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Wir brauchten einige Tage, um eine Stadt westlich der oder zu erreichen. Dann - du erinnerst dich? Am 12. Februar 1945 hatte der Britische Luftmarschall Harris den Feuersturm ueber Dresden befohlen. 30 000 Menschen sind zu Tode verbrannt und identifiziert worden. Man sagt, tatsaechlich waeren es 130 000 gewesen, die zu Tode verbrannt worden sind. Wir im Zuge wussten natuerlich nicht, was um uns herum geschah. Unter uns gab es nur eine grosse Angst, dass uns Tiefflieger erschiessen koennten.
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Oscar
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