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Bernards Geschichte

'Summende Bomben' und 'Doodlebugs (V1-Raketen)'

Photograph of young BernardIm Jahre 1944 war ich ein Schuljunge im Alter  von 15 Jahren. Während der Luftangriffe von 1940/41 war ich nicht  in London, aber 1942 kam ich in das Haus meiner Familie in Süd- London zurück und ging dort  zur Schule. Man muss daran erinnern, dass  etwa drei Jahre lang, von 1941 bis 1944, fast überhaupt keine Bombenangriffe stattfanden. Dann, im Februar 1944, begann  Deutschland mit einer militärischen Aktion, die als der 'kleine Blitz' bekannt werden sollte. Dies hielt ein paar Tage an, aber es ist nicht vergleichbar mit dem Ausmaß der Bombenattacken von 1940/41, und noch weniger mit den massiven anglo-amerikanischen Luftangriffen, die damals gegen Deutschland durchgeführt wurden. 

Im Juni 1944 fielen die ersten fliegenden Bomben auf London. Umgangssprachlich nannte man sie ´´buzz-bombs´´(Summende Bomben) oder ´´doodle-bugs´´(Heuler). Man wusste zuerst nicht, was das war, da sie offensichtlich nicht von einem Flugzeug aus geworfen wurden. Dann begriff man, dass sie in der Tat selbstangetriebene, unbemannte Flugobjekte waren, die, wenn sie ihre maximale Reichweite erreichten, samt ihrer explosiven Ladung einfach runterstürzen würden. Erst fielen nur eine oder zwei, aber schon bald wurde klar, dass es sich um ein planmässiges Bombardement handelte. 

Der bemerkenswerteste Aspekt der ``Doodlebugs`` war ihr Geräusch, das ziemlich anders als das eines    gewöhnlichen Flugzeuges war. Es war ein seltsam hastiges und krächzendes Geräusch, ähnlich dem eines Zwei-Zylinder-Motorrads. Bald fing es an, einen zu beunruhigen und nicht gerade menschenfreundliche Reaktionen auszulösen. Wenn der Motor aussetzte und die Bombe sich näherte, würde sie  warscheinlich in der Nähe abstürzen, und man versuchte dann schleunigst, sich in Schutz zu begeben. Wenn sie  ihren Flug fortsetzte, konnte  man erleichtert sein: jemand anderes würde das Opfer sein. Süd-London war auf ihrem regulären Flugplan, und viele von ihnen fielen in der Nähe und verursachten Verwüstung und Tod. An unserem Haus zerbrachen die Fensterscheiben und eine Decke stürzte ein, aber sonst gab es keine schwerwiegenden Schäden. 

Wie ich später herausfand, kam es am 28. Juli 1944 zu einem besonders schlimmen Vorfall, als eine fliegende Bombe in das Haupt-Einkaufszentrum von Lewisham fiel. Sie durchdrang einen Schutzbunker, und es gab 51 Tote und viele Verletzte. Ungefähr zu dieser Zeit war ich etwa eine Viertelmeile entfernt in einer Straße und bekam das Durcheinander aus der Nähe mit. Woran ich mich am meisten erinnern kann, sind die Blutflecken auf dem Bürgersteig. Wenn ich nun zurückblicke, macht mich am meisten betroffen, wie sachlich und kühl ich in meinem damaligen Alter auf all das reagierte. 

Im August 1944 begab ich mich zu einem Onkel, der in einem Dorf in der Nähe von Canterbury in Kent  lebte. Dort waren wir im Gegensatz zu London nicht das Ziel  der fliegenden Bomben. Aber sie flogen oft über unseren Köpfen hinweg, da das Dorf in einer Gegend war, die  ´´Doodlebug-Allee´´ genannt wurde. Manchmal fielen die Bomben auf die nahegelegenen Felder; entweder, weil sie zu kurz fielen, oder weil sie von Jagdflugzeugen abgeschossen wurden. Die RAF brachte die ersten Jetflieger zum Einsatz, die versuchten, sie abzufangen,
da sie viel schneller als Flieger mit Kolbenmotoren waren. Sie flogen neben ihnen her und griffen mit ihrer Tragfläche unter die Flügel der V1-Rakete und drehten sie um, damit sie dann harmlos in ein Feld stürzte. 

Ich erinnere mich, wie ich neben meinem Vetter und seiner Freundin in dem nördlichen Hügelland (North Downs) saß, und sah, wie ein Jet-Kampflugzeug Jagd auf eine V1-Rakete machte. Sie stürzte irgendwo in der Ferne ab, was ein aufregendes Schauspiel war; sie war von dem verfolgenden Flugzeug entweder abgeschossen oder vom Kurs abgebracht worden. Einige von ihnen explodierten nicht, und eine davon  wurde in einem  Lagerraum in Canterbury zur Schau gestellt. 

Ohne Zweifel verursachten diese Angriffe  in London in einem Zeitraum von wenigen Wochen große Schäden. Die Alliierten Armeen waren auf dem Vormarsch zu  den Startrampen in Nord-Frankeich und Belgien, und es  gab Sorge, dass sie es  nicht rechtzeitig schaffen würden, dort hinzugelangen, um weiteren Schaden und den Verlust an Menschenleben zu verhindern. 

Bald wurden sie jedoch durch die weitaus gefürchteteren V2-Waffen ersetzt. Dies waren echte Raketen, viel länger und zerstörerischer, die überhaupt  keine Vorankündigung von ihrer Ankunft machten, und sie fielen in einzelnen Intervallen  während des ganzen letzten Kriegswinters 1944-45  auf  London. 

Bernard Bergonzi

 

(Übersetzt von Matthias, Kl.11a-2000, Anna-Essinger-Gymnasium Ulm, Germany)


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