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 Die Geschichte des Schuljungen aus Jersey
Die deutsche Besatzung von Jersey bei den Kanalinseln

von Brian Ahier Read

Brian Read as a boy Im Juni 1940 war ich ein Schuljunge im Alter von 12 Jahren. Wir lebten an der See in der Stadt St.Helier, der Hauptstadt von Jersey, einer kleinen Insel im Ärmelkanal, ungefähr 20 Km von der französischen Küste entfernt. Die meisten Leute dort  sprechen Englisch, aber die Insel hat eine eigene Regierung und ist kein Teil des Vereinigten Königreichs.

Als die deutsche Armee Frankreich im Juni 1940 besetzte, dachten die Einwohner Jerseys als Erstes, dass  die Deutschen an solch einer kleinen Insel kein Interesse hätten, und das die Insel auf jeden Fall von den Britischen Streitkräften verteidigt werden würde. Paris ergab sich den Deutschen am 14. Juni 1940. Ein paar Tage später beschloss die britische Regierung, Jersey nicht zu verteidigen.

Ungefähr 40 kleine Schiffe wurden am 21.Juni zu der Insel geschickt und ungefähr 10 000 Leute von der Bevölkerung von 60 000 verließen ihr Zuhause und überquerten den englischen Kanal. Die meisten gingen in Weymouth an Land. Sie hatten sehr wenig Geld, Koffer mit nur wenig Besitz, und keine Bleibe. Viele wurden von Beauftragten der Regierung in Züge gesetzt, um sie in Städte im Norden von England zu schicken. Am 1. Juli 1940  warf ein deutsches Kampfflugzeug drei Kopien eines Briefes, geschrieben auf Deutsch, über Jersey ab. In dem Brief stand, dass sie die Insel angreifen würden, wenn nicht weiße Kreuze auf dem Hauptplatz angebracht  und weiße Flaggen aus den Häusern wehen würden.

Mein Vater arbeitete für das Postamt. Den Postbeamten wurde gesagt, dass ein Schiff ankommen würde, um sie wegzubringen, doch es kam kein Schiff. 

Ich erinnere mich daran, gehört zu haben, dass die Deutschen in dem Brief  weißen Flaggen verlangten. Einige Leute dachten, dass es reiche,  nur an großen Gebäuden weiße Flaggen aufzuhängen, wie Kirchen und Schulen, doch viele Leute hatten Angst, dass ihr Haus angegriffen würde, wenn es keine weiße Flagge hätte. Meine Mutter hängte ein Laken aus dem Fenster. Das Wetter war warm und sonnig.

Gewöhnlich waren hier bei einem solchen Wetter viele britische Urlauber an den  Stränden und in der Stadt, aber am 1.Juli war kaum irgendjemand auf der Straße zu sehen. Ich kann mich daran erinnern, dass ich  in das Stadtzentrum ging, um meinen Freund Ronald zu besuchen, aber als ich vor dem Haus stand, fand ich zugezogene Vorhänge vor und niemand war drinnen. Eine Frau im Haus gegenüber öffnete ihr Fenster und rief, "Sie sind alle gegangen. Sie wurden evakuiert."

Ich rannte zurück in Richtung von meinem Zuhause, aber als ich an einem großem Hotel (Das Ommaroo genannt) vorbeirannte, hielt ein Taxi an und drei deutsche Soldaten, die Gewehre und andere Ausrüstungsgegenstände bei sich hatten, stiegen aus und gingen in das Hotel! Es war das erste Mal, dass ich je einen deutschen Soldaten gesehen hatte. Gespannt, zu sehen, was sich ereignen würde, wartete ich auf dem Gehweg gegenüber dem Hotel. Mehr Taxis kamen. Sie waren vom Flughafen gekommen. Mehr Soldaten gingen in das Hotel. Keiner von ihnen sagte was zu mir.

Ich ging nach Hause und erzählte stolz meiner Mutter, dass ich deutsche Soldaten gesehen hätte. Doch sie blieb drinnen, und sie sagte, sie wolle  keinen davon sehen. Später an diesem Nachmittag kam mein Vater vom Postamt nach Hause. Er war in schlechter Stimmung. "Wir sind nun alle Deutsche," sagte er. "Nur der Himmel weiß, was mit uns geschehen wird. Sie haben alle Verbindungen nach England unterbrochen." Er erzählte meiner Mutter und mir, dass drei deutsche Offiziere während des Nachmittags in das Postamt gekommen  und in den Raum mit den Fernschreibern (Maschinen, die zum Senden von Telegrammen benutzt wurden) gegangen waren.

"Sie waren sehr höflich und schüttelten uns ihre Hände, als sie reinkamen," erzählte er meiner Mutter. "Aber wir mussten das tun, was sie sagten, da sie alle bewaffnet waren."  Meinem Vater war  befohlen worden, die Verbindungen aller Geräte zu trennen.  Zur gleichen Zeit wurden alle Telefonanschlüsse nach England getrennt. Von nun an war niemand in Jersey in der Lage, nach außerhalb zu telefonieren oder irgendeine  Nachricht von der Insel wegzuschicken.

Brian Ahier Read
17th September, 1997

(Übersetzt von Tobias, Kl.11a-2000, Anna-Essinger-Gymnasium, Ulm, Germany)

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