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Ernests Geschichte

Das Leben unter russischer Besatzung

Photograph of young ErnestWie Lotte Evans (das Schulmädchen aus Wien) verbrachte ich die Kriegsjahre in Wien in Österreich damit, in die Schule zu gehen. Ich wurde 1931 geboren. Unser Stadtteil - wie ganz Wien -  wurde von den Russen im Mai 1945 überrannt und später von den Engländern besetzt. Im Gegensatz zu Ostdeutschland hatte Österreich eine nicht-kommunistische Regierung, sogar in dem russischen Sektor. Das machte es  für die Russen sehr schwer, zu "regieren",  und zweifellos veranlasste es sie, schließlich den Rückzug ihrer Truppen aus diesem Land zu akzeptieren.

Nach dem Krieg war viel von der "Wiederherstellung der Gesellschaft" auf den wirtschaftlichen Einfluss des "Marshall Plans" zurückzuführen, und im Falle von Österreich auch in der Fähigkeit des damaligen Bundeskanzlers Figl, bei Wodka-Gelagen  während der Verhandlungen mit russischen Diplomaten mithalten zu können.

Die Fronttruppen waren die Elite der Sowjetischen Armee. Sie schienen sehr effizient, diszipliniert zu sein, plünderten und vergewaltigten im Allgemeinen nicht, wie es sonst üblich war,  und waren der Zivilbevölkerung gegenüber sehr großzügig und teilten ihre militärischen Rationen, indem sie Schüsseln mit Suppe usw. aus ihren Militärlagern in den Straßen verteilten.

Diese Fronttruppen rückten bald weiter in die Stadt vor und wurden durch "reguläre" russische Truppen ersetzt, die sich von ihnen in mancherlei Hinsicht gewaltig unterschieden.

Russische Soldaten waren viel "menschlicher" als deutsche Soldaten während der Besetzung eines feindlichen Territoriums. Zum Beispiel gab es ein Ausgehverbot für die Zivilisten bis circa 9 Uhr morgens.Gegen 5 Uhr morgens gingen wir gewöhnlich raus auf die Straße und stellten uns beim Bäcker an, um einige Laibe Brot zu erhalten.Wenn deutsche Soldaten ein Ausgehverbot verordnet  und dann Leute auf der Straße gefunden hätten, hätten sie sie erschossen. Russen kamen vielleicht auf einen zu, fragten, was man da machte, aber sie belästigten einen nicht weiter, wenn sie sahen, dass man nur versuchte, Essen zu bekommen.

Viel von der guten Behandlung der Zivilisten in Wien und Österreich durch die russischen Soldaten rührte daher, dass ihnen gesagt wurde, dass sie Österreich befreiten, während sie Deutschland selbst besetzten.Uns wurde gesagt, dass Russen in Deutschland selber  mit viel weniger Zurückhaltung handelten.

Die meisten Zivilisten mit einer Nazivergangenheit waren entweder geflohen, oder waren gewitzt genug, sämtliche Bilder von Hitler oder Hakenkreuze usw. aus ihren Wohnungen oder ihren beruflichen Hinweisschildern zu verbrennen oder zu entfernen, bevor die russischen Truppen diese fanden. Jedes Mal, wenn die Russen Nazisymbole fanden, zertrümmerten sie sie und stellten weitere Nachforschungen an.

Wir fanden bald heraus, dass die eigentlichen 'Bosse' der Soldaten nicht eigentlich deren Offiziere waren, sondern eher die "politischen Kommissare", die die Armee begleiteten. Sie waren auch in Uniform, aber leicht von den Soldaten zu unterscheiden. (Ich glaube, sie hatten einen roten Streifen an ihrer Mütze, aber ich bin mir meiner diesbezüglichen Erinnerung nicht sicher.) Bei jedem Anlass waren sie die wahren Autoritäten. Lassen Sie mich  zwei Beispiele von dem berichten, was passiert ist:

  • Als ich mein Zuhause gerade verließ, kam ein russischer Soldat auf einem Fahrrad auf mich zu, übergab mir schnell das Rad und lief davon. Einen Augenblick später kam ein Kommissar  um die Ecke. Der Soldat war schlau genug, das Rad los zu werden, als er ihn näher kommen sah.
  • Ein anderes Mal, als ich zum Fenster hinausschaute, sah ich einen russischen Soldaten,  wie er aus einem Lebensmittelgeschäft auf der anderen Straßenseite mit einigen Beutegütern auf dem Arm herauskam. Ein Kommissar sah ihn, sprach kein Wort mit ihm, sondern zog einfach seine Pistole und erschoss ihn an Ort und Stelle. Doch bei anderen Gelegenheiten sah man russische Soldaten, meistens asiatischer Abstammung (mit mongolischen Gesichtszügen), die auf Fahrrädern durch die Gegend schwankten; offensichtlich waren sie gerade dabei, mit ihnen fahren zu lernen, ohne dass irgendjemand eingegriffen hätte. 
  • Ernest Blaschke

     

    (Übersetzt von Sandra, Jg.12-2000, Anna-Essinger-Gymnasium Ulm, Germany )

Ernest is a member of the MEMORIES Panel of Elders.


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