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Ferdinands Geschichte
Gelbe Sterne Im Abstellbahnhof

Endlich durfte ich zur Schule gehen. Es war 1939 und ich war sieben Jahre alt. Ich hatte noch ein weiteres Jahr warten müßen weil meine Mutter vollzeitig beschäftigt war. Meine Großmutter nahm meine Hand und so zogen wir zusammen zur Volksschule. Ich trug alte Kleidung aus der mein Vetter heraus gewachsen war. Aber ich war glücklich, ich trug ja meine Zuckertüte. Die Tüte sah wie ein Hexenhut aus, doch sie war gefüllt mit Naschereien. Ich war so fasziniert von all diesen Zuckertüten, daß ich nichts anderes mehr wahrnahm. Andere Kinder hatten sehr unterschiedliche Erinnerungen. Hier einige Beispiele: "Vom ersten Schultag in 1933 an mußten wir unsere tägliche Portion Nazipropaganda schlucken." Und: "Im Jahre 1934 wurde ich eingeschult. Ich lernte daß wir die Herrenrasse waren. Die Herrenrasse war groß und blond. Das war verwirrend, ich war klein und meine Haare waren braun."

Ich hab das alles nicht bemerked, vielleicht war ich zu naiv. Herbert mein Klassenkamerad schrieb: "Nach Ostern wurde ich eingeschult. Für mich begann jetzt der Ernst des Lebens. Am ersten Schultag malte unsere Lehrerin mit weißer Kreide einen Berg mit einer Krone an die Wandtafel. Sie hieß Frau Kronenberg." Ich war der einzige der ihren Namen vergaß.

Am 23. August wurde ein Nichtangriffspakt mit Russland unterschrieben. Ich hatte kein Interesse daran. Doch als sie russisches Getreide in unserer Turnhalle speicherten verstand ich alles, nur um von uns die Turnhalle zu klauen haben sie das gemacht.

Juden hatten eine furchtbare Zeit in Deutschland. Schlägereien, Verfolgungen und Selbstmorde geschahen häufig. Wir Kinder verstanden diese Taten nicht. Und doch hatten wir eine Ahnung. Wir konnten aber nicht darüber sprechen, wir durften keine Fragen stellen. "Wir sprechen nicht über diese Dinge," war die einzige Antwort. Es wohnten auch nicht viele Juden in unsere Nachbarschaft. Und doch sahen wir manchmal Leute die einen gelben Stern auf ihrer Brust trugen. Von Schule, Radio, Hitler Jugend und vom Bund deutscher Mädel wußten wir aber daß Juden Volksverbrecher waren die man an die Wand stellen sollte.

Eines Tages im Jahre 1941 als ich neun war streifte ich durch die Insel Grasbrook wo im Jare 1401 der Pirat Klaus Störtebeker vom Hamburger Senat hingerichted war. Damals wußte ich es nicht, aber ich wanderte tatsächlich auf einem Weg der zum Tode führte. Ich war auf dem alten Hannover Bahnhof und sah eine große Gruppe von Leuten neben dem Gleis stehen. Bewacht wurden sie von schwarz uniformierten SS Soldaten. Die schlecht gekleideten Menschen trugen alle gelbe Sterne auf der Brust. Es sah alles zu gefährlich aus und ich wollte einen Rückzieher machen. Konnte ich aber nicht, ein Posten rief "Komm her Junge." Was Sollte ich tun? Ich ging zum Posten hin. "Was machts Du hier?"

Ich war so voller Angst, ich konnte nicht antworten. "Bist Du ein Jude?" "Ich ein Judenschwein? Nein, bestimmt nicht" "Gut, dann piss man hier hin." "Ich brauch aber nicht." "Macht nichts, zeig mal her deinen Pisser." Ich verstand nichts, mußte aber gehorchen. "Gut," sagte der SS man, "jetzt geh nach Haus, und danke denen Eltern daß Du eine Vorhaut hast. Sprich niemals darüber was Du hier gesehen hast." Ich hab nie über dieses Erlebnis gesprochen. Ich wußte ja, daß die Juden nach Polen abtransportiert wurden um für deutsche Bauern zu arbeiten. Das war doch in Ordnung, oder nicht?

Ferdinand wurde 1932 in Hamburg geboren, Er hat bis 1943 in Hamburg gelebt und zog dann mit seinen Eltern in eine kleine Stadt in der Nähe der holländischen Grenze. In 1959 ist Ferdinand nach Kanada ausgereist. Dort lebt er heute noch in Edmonton.

Ferdinand Drewin
July 2007


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