English version here
 

Heidis Geschichte

Der Streik der Arbeiter in Leipzig - 17.Juni 1953

 
 

Der 17. Juni 1953 ist ein wichtiger Tag in der deutschen Geschichte. Es ist der Tag des Aufstandes der Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Generalstreik wurde ausgerufen und viele Leute in Leipzig nahmen daran teil, weil sie gegen die schlechte wirtschaftliche Lage, den viel zu langsamen Wiederaufbau und den Mangel an persönlicher Freiheit protestieren wollten. Ich selbst habe an diesem Tag schwer gearbeitet, weil ich nichts von dem Streik wußte.

 
 

Ich war ein Lehrling im Antiquariatsbuchhandel in einer großen Firma, die der SED gehörte. Zwei Tage in der Woche ging ich in die Deutsche Buchhändler Lehranstalt und vier Tage in die Firma.


 
 

Anfang Juni sagte unser Klassenlehrer zu uns, "Am 17. Juni werden wir keinen Schulunterricht haben. Wir werden unseren Brüdern auf dem Land helfen und auf einer landwirtschaftlichen Genossenschaft Rüben verziehen. Teilnahme ist Pflicht und wird im Klassenbuch eingetragen." Rüben verziehen! Selbst gewöhnliche Gartenarbeit war für mich Sklaverei. Meine Mutter hatte wenig Sympathie und sagte nur, "Du kannst ohne Gewissensbisse Rüben verziehen. Nimm an diesem Einsatz teil, und hebe Deinen Protest für wichtigere Probleme auf." Es gab keinen Ausweg.


 
 

Der 17. Juni war ein strahlender Sommertag. Früh am Morgen fuhr ich mit meinen Klassenkameraden, die ich am Leipziger Hauptbahnhof getroffen hatte, in der Straßenbahn nach Plagwitz. Als wir ausstiegen stand auch schon der Klassenlehrer mit dem Klassenbuch da und kontrollierte uns. Dann liefen wir zur landwirtschaftlichen Genossenschaft (LPG). Dort bekamen wir unsere Arbeit: zwei ellenlange Reihen Zuckerrüben. Die Pflanzen waren so klein und so weit unten. Ich bückte mich, kroch auf allen Vieren und kniete mich hin. Meine Muskeln und mein Kopf schmerzten, und ich wollte weglaufen, aber es gab zu viele Aufseher. Endlich durften wir Pause machen und unsere mitgebrachten Schnitten essen.

 

 
 

Wir kehrten zur Arbeit zurück und nach einer Weile bemerkte ich, daß niemand mehr auf uns aufpaßte. So beschlossen meine Freundin und ich wegzurennen. Wir rannten und rannten zur Straßenbahnhaltestelle, aber die Bahn kam nicht. Dann hielten wir einen Lastwagen an. Der Fahrer sagte,"Ich habe keinen Platz in der Kabine, aber wenn ihr im Laderaum auf leeren Bierflaschen sitzen wollt, dann nehme ich euch mit." Wir kletterten hoch und saßen auf den umgedrehten Bierflaschen im Dunkeln. Wir konnten nicht verstehen, was der Fahrer vorhatte. Für eine Weile fuhr er in Richtung Leipzig, dann hielt er an und drehte um. Immer wieder mußte er umkehren - was war passiert?

 

 
 

Endlich fuhr der Lastwagen lange Zeit in Richtung Leipzig. Der Fahrer hielt an, öffnete die Plane und rief, "Alles aussteigen! Leipzig Hauptbahnhof!" Ich ergriff seine ausgestreckte Hand und sprang hinaus. Vor mir stand ein riesiger sowjetischer Tank. "Ich habe einen Sonnenstich", dachte ich und schloß meine Augen. Als ich meine Augen wieder aufmachte, sah ich mehr als einen Tank und viele sowjetische Soldaten. Viele Leute standen in Gruppen herum, und ein einsames Paar hielt ein Spruchband hoch: Wir wollen frei sein!

 

 
 

Die Straßenbahnen fuhren wieder, und ich kam sicher zu Hause an. Meine Mutter erzählte mir, daß der Aufstand zu Ende war. Später hörten wir, daß der Sowjetische Militärkommandeur den Ausnahmezustand erklärt, alle Zufahrtsstraßen nach Leipzig abgeriegelt und Tanks und Truppen eingesetzt hatte.


 
 

So ist der 17. Juni 1953 ein wichtiger Tag in der Geschichte Deutschlands. Es war das erste Mal, daß die Arbeiterklasse gegen eine kommunistische Regierung rebellierte. Sie lernte, daß jeder Aufstand scheitern mußte, so lange die Sowjets bereit waren, die ostdeutsche Regierung zu unterstützen und allen Widerstand erbarmungslos zu unterdrücken. Für mich ist es der Tag, an dem ich schwer arbeitete und Rüben verzog, während alle anderen in Leipzig streikten und nichts taten.

 

Heidi Kirsch, geb. Herrmann
damals aus Wiederitzsch bei Leipzig

Heidi ist jetzt ein aktives Mitglied der U3A in Australien
Klicken Sie hier, um an sie zu schreiben.
 

Stories Map Food ELDERS