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Die Geschichte des Potsdamer Schuljungen

Das Ende des Krieges - nie mehr Krieg?

Aber was werden die Sieger mit den Verlierern tun??

Photograph of Heinz as a boy "Schnell schnell" schreit ein Mann in amerikanischer Uniform (wie kommt es, dass er  Deutsch sprechen kann?) "Die Halle wird für verwundete Menschen benötigt! Packt eure Sachen und geht!" Und so begann der erste Morgen der Friedenszeit für uns, für meine Mutter, meine 18 Jahre alte Schwester und für mich - einen acht-jährigen Schüler aus Potsdam, nahe Berlin.

Der Boden des Ballsaals eines kleinen Gasthauses in einem Dorf nahe der Elbe auf der Westseite war komplett mit Stroh bedeckt worden. Darauf  wurden Leute in eng gepackten Reihen gelegt, alte, junge und viele Kinder. Sie waren Flüchtlinge aus dem östlichen Teil Deutschlands, einige von ihnen waren schon vier Monate seit  Januar 1945 unterwegs. Sie flohen vor der immer näher kommenden Kriegsfront - flohen vor den Russen, der Roten Armee. Die Angst, die sie antrieb, stand überall in ihren Gesichtern geschrieben, die den Beweis für unbeschreibbare Belastungen und Stress trugen.

Ihre Angst war eine schreckliche Mischung: von den Horrorgeschichten der Nazis "jetzt kommen diese untermenschenartigen Kreaturen, um schreckliche Rache zu nehmen!" Jeder kannte diese hässlichen bolschewistischen Gesichter - sie waren fast täglich im 'Völkischen Beobachter' porträtiert worden, und sie waren nun tief in unsere Seelen eingegraben, besonders bei uns Kindern. Und es gab den Horror der Nächte mit den dauernden Bombardierungen, denen wir entkommen waren. Und das Schlimmste war, dass es die Berichte von Augenzeugen unter den _berlebenden  gab, von denen einige mehrmals vor den Russen geflohen waren, und die dabei  Familienmitglieder verloren hatten. Es gab jene, die mitansehen mussten, wie andere, hauptsächlich Frauen und Kinder, mit ihrem Leben für den Horror, den die Nazis unter den osteuropäischen Völkern angefangen hatten, bezahlen mussten. Und es gab deutsche Soldaten, die oft aus guten Gründen vor der Gefangennahme durch die Russen flohen: ganze SS-Panzer-Divisonen drängten nach Westen, in der Hoffnung, dass die Amerikaner sich mit ihnen verbünden würden, um die Russen aus Deutschland zu vertreiben.

Und nun heute, kein Grund mehr, sich zu fürchten. Wir waren endlich  glücklich im Land des Friedens westlich der Elbe bei den Amerikanern angekommen.

Es war der zweite oder dritte Mai 1945 - noch sehr früh am Morgen und immer noch kein Ende des Krieges, aber wir waren, zumindest schien es uns nach der friedlichen Nacht so, in Sicherheit.

Als die Leute, die auf dem Boden lagen, mitbekamen, dass der Mann, der Deutsch sprach - obwohl er Amerikaner war - es ernst meinte mit seinem Befehl, die Halle zu leeren, begannen sie schnell, ihre restlichen Sachen zusammenzupacken, eine Wolldecke für die Nacht und etwas zu Essen, meistens etwas von den eisernen Rationen der deutschen Wehrmacht; Choca-Cola (Flieger-Schokolade) und die Fruchtriegel, die uns die ganz jungen deutschen Soldaten am Vortag hatten zukommen lassen, die noch immer auf der russischen Seite des Flusses in ihren Schützengräben saîen und offensichtlich auf ihren Einsatz warteten. Dazu Dosen von eingemachtem Schweinefleisch, tägliche Rationen von Knäckebrot, deren Verpackungen die Soldaten als Postkarten benutzen konnten.

Und noch bevor die letzten Flüchtlinge den Raum verlassen hatten, brachten Sanitätssoldaten Tragen herein und kippten ihre traurige Fracht auf das Stroh, das immer noch ausgebreitet war. Und auf einmal wussten wir, dass wir diese blutüberströmten, stöhnenden Körper schon einmal gesehen hatten... es war am gestrigen Tag - es waren genau die gleichen jungen Soldaten aus dem Schützengraben von der anderen Seite des Flusses, ohne Zweifel Mitglieder der Hitlerjugend, die schnell in Militäruniformen gesteckt  und gegen die Russen in den Kampf geschickt wurden, nur um ein oder zwei Tage zu gewinnen, in denen fliehende deutsche Soldaten an der Front es dann vielleicht geschafft haben, von den Amerikanern gefangen genommen zu werden. DARUM haben sie ihr Leben riskiert, und jetzt wurde das, was von ihnen noch übrig blieb, in unsere nächtliche Zuflucht gebracht.

Heinz Barthel
17. August 1997

(_bersetzt von Jan, e-12-2000, Anna-Essinger-Gymnasium Ulm, Germany )

Heinz hat eine weitere Geschichte über diese Zeit geschrieben:

Der Sack mit Kaffeebohnen.

You can ask Heinz some questions if you click here to write to him.


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