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Jagjit Kohlis Geschichte

Der Marsch von Burma nach Nord-Indien


Nach dem Bombardement von Mandalay   gingen wir nach Punjab; meinen Vater und Onkel  ließen wir dort zurück. Die Regierung gab bekannt, dass keine männliche Person über 19  die Stadt verlassen durfte, nur Frauen, Kinder und die Alten und Kranken. Wir sammelten unsere Sachen zusammen und trafen uns am 27. Januar in Atrobi mit anderen, die auch nach Indien zurückkehrten.Uns wurden zwei Kartons voll Kondensmilch pro Familie gegeben  (48 Dosen) und einige Pakete  Milchpulver. Uns wurde erlaubt, Bargeld mitzunehmen.


Und so begannen wir eine Reise, die drei Monate dauern sollte. Meine Tante und meine Cousinen lebten mit uns,  und so reiste wir zusammen. Wir mussten abseits der Straße im Dschungel laufen, wo es viele Mosquitos und Sümpfe gab.Wir mussten tagsüber  schlafen und nachtsüber laufen, damit der Rauch unserer Kochfeuer nicht die Aufmerksamkeit der japanischen Bomber auf sich zog. Unsere burmesischen Beschützer wurden von Dorf zu Dorf ausgetauscht. Oft erzählten Informanten den Japanern, wo wir uns aufhielten, und jedes Mal, wenn dies passierte, mussten wir sofort wieder aufbrechen aus Angst, bombadiert zu werden. Unter diesen Begleitumständen  entkamen wir. Schließlich erreichten wir Nord-Ost Indien und gingen nach Maiwal in den Nagalands, wo wir millitärische Unterstützung und eine Mitfahrgelegenheit zum Bahnhof erhielten. Wir reisten1500 Meilen mit dem Zug in unsere Heimat nach Punjab.Wir hatten  3 Monate gebraucht. 

Auf unserem Weg starben einige hundert Menschen an Malaria, auch meine Cousine. Ihre Körper  wurden entweder verbrannt und zurückgelassen in der Hoffnung, dass die Dorfbewohner ihnen die angemessene Ehre erweisen würden, oder sie wurden einfach in den Fluss geworfen.

Ich sprach nur burmesisch, wie meine Pflegemutter. Ich konnte kein einziges Wort Punjabi. Mein Vater folgte uns ein Jahr später, aber ich konnte mich nicht mit ihm unterhalten. Ich war so einsam. Es verfolgt mich noch immer: Millionen von Kindern litten genauso wie wir. Warum kämpfen wir? Warum fügen wir uns gegenseitig solches Leid zu? Wir waren schlimmer als Tiere in jenen Tagen.

Wir lebten in Imfal, weil mein Vater immer gehofft hatte, dass uns erlaubt würde, unser Eigentum zurück zu verlangen, aber dies geschah niemals. Ihm wurde erlaubt, sein Haus 1963 zu besuchen, aber als er zurück kam, hatte er einen Herzinfarkt und war nicht mehr in der Lage, wieder zu arbeiten. Dies sind die Auswirkungen vom Krieg, an die wir nie denken. Wir kommen uns gegenseitig näher und meistern unerwartete Situationen und Schwierigkeiten besser. Aber Krieg ist nicht die einzige Möglichkeit, um Freundschaft und menschliche Nähe oder Mut hervorzubringen.


Kriege sind anders heutzutage. Menschen können nicht mehr nur an einem Platz fest gehalten werden. Sie wissen nichts über das Leiden in Burma, weil Burma nicht mit Radio und Fernsehen verbunden war. Nachrichten verbreiteten sich sehr langsam, manchmal brauchten sie Jahre.

Zivilisten sind nie an den Konflikten der Regierungen beteiligt. Wenn wir diese Botschaft an  andere Generationen weiterreichen können, sind diese vielleicht sicherer, wenn wir ihnen erzählen, wie wir infolge der Absichten  und der falschen Vorstellungen anderer gelitten haben. Sie können eine bessere Welt schaffen.

Es gibt keinen Gewinn im Krieg, nur Zerstörung. Die Regierung hat keine Filme über das Bombardement, weder davor noch danach. Es gibt ein paar Fotos im Londoner Kriegsmuseum, welche die Zerstörung zeigen. Sie waren unvorbereit.

Wir gingen in den Teil von Punjab, der zu Pakistan kam,  und wieder mussten wir alles zurücklassen. Wir waren zweimal Flüchtlinge. Wieder war das Leiden nicht unsere eigene Schuld. Aber diese Dinge passieren wirklich.

Mrs Jagjit Kohli
Royal Leamington Spa
10. November 1994

(Übersetzt von Daniel St. , Jg. 12-2000, Anna-Essinger-Gymnasium Ulm, Germany )
 

Jagjit Kohli hat eine weitere Geschichte über ihre Kindheit geschrieben:
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