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Lottes Geschichte

Vienna - 1938 bis 1945

Photograph of young Lotte Wien, meine Heimatstadt,  hat Hitler 1938 mit offenen Armen empfangen, doch während dieser ersten Woche des Feierns wurden 79 000 Menschen von Himmlers Polizei festgenommen. Wahrhaftig ein Vorgeschmack auf die Dinge, die kommen sollten.

Ich war sechs und ging gerade erst zur Schule.Von Anfang an war mein Schulleben nicht sehr glücklich, da einige meiner Lehrer immer wieder auf mir herumhackten. Der Grund dafür war, daß meine Urgroßeltern väterlicherseits österreichische Juden gewesen waren, die mich und meine Brüder und Schwestern  unter dem Nazi-Regime zu 1/4 Juden machten, oder um die richtige Beschreibung zu benutzen: zu Mischlingen zweiten Grades. Das Schlimmste war, dass mein  Mädchenname Diamant  leicht als jüdischer Familienname erkannt wurde.
Diese jüdische Abstammung  bedeutete einen gewaltigen Unterschied für unser Leben während den Nazi-Jahre.
Mein Bruder mußte zur deutschen Wehrmacht, aber meine Mutter hat nie die finanzielle Unterstützung bekommen, die andere Mütter von Soldaten erhalten haben. Sie hat weder das Mutter-Kreuz erhalten, noch das Geld, das kinderreichen Familien zustand. Natürlich hat sie das Mutter-Kreuz nicht vermisst, aber das Geld wäre großartig gewesen, da wir ziemlich arme Leute waren.
Die Verfolgung kam auf viele Arten, für manche war ich sogar dankbar. Einer Jugendorganisation zum Beispiel durften wir nicht beitreten, aber es gab Unterschiede in den Rationen, die uns zugewiesen wurden. Auch haben alle österreichischen Kinder ihre Schulbücher und ihr Schreibmaterial umsonst erhalten, aber meine Eltern mußten dafür zahlen.

Ich war ein ziemlich intelligentes Kind. Ich konnte schon Zeitung lesen, bevor ich in die Schule kam, aber ich habe nie gute Noten bekommen. Daher konnte ich am Ende der vier Jahre Grundschule mit zehn Jahren bis zum Kriegsende nicht auf eine höhere Schule gehen.

Nun war all dies ziemlich schrecklich, vor allem weil einige Lehrer streng der Nazipropaganda glaubten. Ich muß jedoch sagen, daß ich nie  von meinen Klassenkameraden aufgezogen oder schikaniert worden bin.

Es gab auch die ständig gegenwärtige Gefahr, daß ein Nazisympatisant uns verraten könnte, weil mein Vater, der von den meisten Familien, die in unserem Wohnblock wohnten, voll  respektiert wurde, sich manchmal ziemlich unverblümt äusserte.
Kritik an dem Naziregime war nicht erlaubt und für eine Famlie, deren Blut jüdisch verunreinigt war, hätte es die Einweisung in ein Konzentrationslager bedeuten können. Glücklicherweise haben wir keine geringeren Essensrationen bekommen, noch waren unsere Kleidermarken betroffen. Ich kann mich nicht erinnern, wieviel wir am Anfang bekommen haben, aber ich kann mich daran erinnern, daß das Essen im letzten Teil des Krieges sehr knapp war,  und obwohl ich nie einen Tag ohne etwas zu essen verbracht habe, habe ich gewiß gewußt, was es heißt, über  lange Zeiträume hinweg hungrig zu sein.

Während der letzten zwei Jahre haben die Bombenangriffe ernsthaft begonnen. Davor hatten wir in den meisten Nächten viele Luftalarme, aber die Bombadierungen waren nicht wirklich beängstigend und gefährlich dort, wo ich wohnte bis zu dem Tag, als die Bombardments anfingen. Ich erinnere mich ziemlich gut an diese Zeiten.

Viele Bombadierungsschäden wurden in meinem Wohnbezirk angerichtet.Wann immer ein Luftangriff war, saßen wir im Keller und hörten die Bomben fallen. Ich bin froh, sagen zu können, daß unser Wohnblock nie getroffen wurde, aber eine ganze Anzahl von  Häusern aus unserer Straße ist total zerstört worden.

Wenn ein Angriff vorbei war, haben die Leute immer geholfen, in den Trümmern nach Überlebenden zu graben. Die Kinder  überbrachten Nachrichten, weil es nur sehr wenige private Telefone gab, aber nur, wenn die Entfernung  nicht zu lang war, denn es gab  immer die Gefahr eines erneuten Luftangriffs.

Tatsächlich haben wir in den letzen Wochen, bevor die Russen gekommen sind, praktisch im Keller gelebt, und wir konnten den Gefechtslärm der russischen Armee hören, als sie immer näher kam.

Lotte Evans
13th May, 1997

 

(Übersetzt von Mirjana Kl. 11a, Anna-Essinger-Gymnasium Ulm, Germany )

Photograph of Lotte with grand-children, 1997

Lotte lebt nun in Australien und ist hier mit ihren Enkelkindern zu sehen. Sie hat weitere Geschichten über ihre Kindheit geschrieben:

Lotte is a member ofthe MEMORIES Panel of Elders. You can click here to write to her.
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