French version here
English version here

Lottes Geschichte

Jugendorganisationen

Photograph of young LotteIn den letzten zwei Jahren wurden viele Fragen von Schülern über den Zweiten Weltkrieg an die Zeitzeugengruppe gestellt. Meistens interessierten sie sich dafür, wie es war, unter Bombenangriffen zu stehen, was ein Konzentrationslager ist, oder wie die gefühlsmäßige Einstellung zu bestimmten Aktionen während des Zweiten Weltkrieges war. Sehr wenig wurde jedoch über das alltägliche Leben der Kinder und deren Eltern in dieser Zeit gefragt. Niemand hat jemals gefragt, wie das Leben mit Lebensmittelrationierung war, oder welcher Art von Vereinen oder Jugendorganisationen die Kinder während der Kriegsjahre beitreten konnten oder mußten. 

Eine dieser Pflichtorganisationen war die Hitler Jugend (HJ), welche die NSDAP-Organisation für Jungen war  und der Bund Deutscher Mädel (BDM), der die Entsprechung für Mädchen war.

Ich wuchs in Wien, Österreich auf, und als ich im Jahr 1943 das Alter von 10 Jahren erreichte, musste ich mich wie jedes andere Kind melden, um in die Kinder-Version der lokalen BDM-Gruppe einzutreten (dies waren die Jungmädel, die Jungen zwischen 10 und 14 Jahren wurden Pimpfe genannt). Wehe denjenigen Kindern, die sich nicht meldeten, wie es Pflicht war; Ungehorsam konnte mit einer Einlieferung ins Arbeitslager bestraft werden.

Ich musste ein Formular ausfüllen, welches unter anderem Fragen beinhaltete, z.B. wer meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern seien und welcher Religion sie angehörten. Nun waren aber meine Urgroßeltern väterlicherseits Juden, und sobald dies herauskam, hat man mir gesagt, daß ich nicht gut genug dazu sei, den Jungmädels beizutreten, aber wenn es jemals notwendig werden würde, würden sie Kontakt mit mir aufnehmen. Wenn mich meine Erinnerungen nicht täuschen, war ich darüber irgendwie erschüttert, weil es mich anders machte als die anderen Kinder in meinem Alter.

Meine Eltern waren ziemlich erleichtert darüber, daß es  nicht zu schlimmeren Schwierigkeiten führte, und fast zwei Jahre lang habe ich es ganz aus meinem Gedächtnis verdrängt. Aber nach den ersten oder zweiten Monat des Jahres 1945 (leider kann  ich mich nicht an das genaue Datum erinnern) bekam ich einen offiziellen Brief, der mir mitteilte, daß ich mich bei meiner lokalen Zweigstelle der Hitler Jugend zu melden habe, und nach einer Beratung mit meinem Vater beschloss ich, diesen zu ignorieren.

Der Wunsch meines Vaters kam mir sehr gelegen, da ich nirgendwo anders hingehen wollte als zur Schule, wegen der immer wiederkehrenden Luftangriffe. Nach ein paar Wochen kam ein zweiter Brief, welchen ich dann vor meinen Eltern versteckte, in der Hoffnung, dass er vergessen werden würde.

Aber dann kam dieser folgenschwere Tag, als ich zum Schock meiner armen Mutter von zu Hause abgeholt wurde und zum Eintritt gezwungen wurde. Ich ging nur ein paar Mal dorthin, bis dann die Gruppe aufgelöst wurde. Die jungen Anführer dieser Gruppe mußten in die Armee eintreten, und uns wurde gesagt, dass, sobald 'Unser glorreicher Führer' den Krieg gewonnen habe, wir wieder zusammengeholt werden würde. Bis zum heutigen Tage kann ich mich immer noch an die Erleichterung erinnern, die ich fühlte, als der Krieg vorbei war, und damit auch das Ende der Hitler Jugend und des BDM kam. 

Lotte Evans

 

 (Übersetzt von Sven, Jg. 12-2000, Anna-Essinger-Gymnasium Ulm, Germany )

Lotte hat noch andere Geschichten über ihre Kindheit geschrieben: Lotte ist ein Mitglied der MEMORIES Panel of Elders. Wenn man hier klickt, kann man ihr schreiben.
Stories Map Food ELDERS