Version francaise ici
English version here

Nandita’s Geschichte

Kalkutta- August 1945

In 1945 wohnte ich in Kalkutta, der Ort, von wo aus der Krieg gegen Japan geführt wurde. Wir wussten, dass der Krieg in Europa vorüber war, aber für uns war er noch nicht vorbei. Die Chindits starteten ihre Angriffe auf Burma von Kalkutta aus. Daher war die Stadt voll mit Soldaten. Eine riesige Armee aus der ganzen Welt: Polen, Weissrussen, Amerikaner, Briten und natürlich die große indische Armee. Wir stellten 2 000 000 Soldaten. Viele in der Air Force flogen Einsätze gegen Japan.
Zudem kamen in 1943 drei Millionen verhungernder Inder hierher um zu sterben. Die meisten von ihnen auf unseren Bürgersteigen. Auf meinem Weg zum College kam ich an ihren Leichen vorbei. Nichts, was man leicht vergisst. Es wurde von uns erwartet genug Trockenrationen zu besorgen, um die Familien zu bekochen – 700 Leute jeden Tag.

Da ich privat unterrichtet worden war, hatte ich meinen Schulabschluss bereits mit 14. Nun war ich 16, trug einen Sari, war auf dem College und hielt mich schon für eine junge Frau. Sowohl mein Großvater als auch mein Vater waren Journalisten. Mein Großvater hatte „The Modern Review“ gegründet, von der U Thant, der Secretary-General der Vereinigten Staaten, später sagte, es würde „wahrhaftig die Stimme der Freiheit repräsentieren.“.

Mein Großvater war ein reformierter Hindu, der den Brahmo Samajs angehörte - einer sozialen Reformbewegung, die alles religiöse Mumbo-Jumbo ablehnte. Wir waren eine höchst politische Familie. Ich war eine von sieben Schwestern und drei Cousinen, die alle sehr der liberalen Politik und der Freiheit der Frauen verschrieben waren. Ich selber war stolz darauf, drei feministische Enkelinnen zu haben. So waren wir auf keinen Fall verliebt in den Kriegshelden Churchill. Und seit der Briefverkehr freigegeben wurde, wissen wir, dass unsere Meinung von Churchill’s Haltung zur Hungersnot in Bengal von Wavell, dem Vizekönig zu jener Zeit, als auch von dem folgenden Vizekönig Mountbatten, geteilt wurde.

Das Ereigniss, an dass ich mich am besten erinnern kann, ist die Hiroshima Bombe. An diesem Tag besuchte uns ein amerikanischer Freund der Familie - Harold Leventhal, Autor und Impresario – und bekam die ganze Verachtung und Empörung ab, die wir fühlten. Harold war selber ein Linker, hatte aber keine Chance seine Sicht der Dinge zu verteidigen. Er machte sich schnellstens aus dem Staub und als er an der Treppe an einem Royal Air Force Officier vorbei kam, sagte er: „Hey – gehen Sie dort bloss nicht hinein – das ist gefährlich.“ „Schon gut, altes Haus“, war die Antwort, „ Ich bin sicher genug – ich bin ja kein Amerikaner.“

Ich hatte so viele gemischte Gefühle über das Ende des Krieges gegen Japan. Natürlich waren wir alle erleichtert und glücklich. Es bedeutete aber auch, dass die Welt wie wir sie kannten – überall Uniformen, startende Flugzeuge, gute Freunde aus der ganzen Welt – komplett verschwinden würde. Kein Krieg mehr, kein Krach, aber auch weniger kosmopolitische Freunde. Harold reiste ab. Wir winkten ihm am Bahnhof hinterher und ich weiss noch wie ich sagte: „ Harold Leventhal verlässt uns: das heißt, der Krieg ist wirklich vorbei.“

An diesem Tag waren die Straßen gefüllt mit Transportern voller Alliierter und deren Freunde und sie hupten wie verrückt während sie durch die Gegend fuhren. Eine kleine Gruppe Jugendlicher sprang in eine Strassenbahn und fuhr die Howrah Brücke hoch und runter, während sie allen Leuten Mut zu riefen. Die einzigen, die nicht glücklich aussahen, waren die Schwarzmarkthändler. Sie hatten sehr von dem außerordentlichen Reichtum an Gütern profitiert, die eingeschifft wurden, um die amerikanischen Truppen zu versorgen.

 

 

 

Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter eine 10-Pfund Dose Karotten von einem freundlichen Amerikaner bekommen hatte. Wir haben sie nie geöffnet – nach etwa zehn Jahren öffnete die sich von selber mit einem abscheulich , explodierendem Geräusch. So endete der Krieg nicht mit einem Knall sondern mit einem . hier ein wort wie eine alte dose sich oeffnet. Und dann als letzes wort ein wort das das beschreibt.

 


Nandita Sen
Hyderabad - Januar 2005


Stories Map Food ELDERS