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Pamela's Geschichte

Gestohlenes Obst - Eine Kindheit in London

Als Kind hatte man zu dieser Zeit nicht viel Freude, es war alles so beängstigend. London war eine versmogte Stadt mit grauem Himmel, grauem Nebel, verregneten Tagen und selten einmal bekam man einen blauen Himmel und Sonnenschein zu sehen. Zumindest sah es so aus. Drinnen schien es immer Nacht zu sein. Jeder hatte schwarze Vorhänge an den Fenstern, so dass kein Licht nach draußen auf die Straße fiel und was viel wichtiger war, vielleicht von den über uns fliegenden deutschen Flugzeugen gesehen werden konnte .Lichter hätten ihnen einen guten Platz für einen Bombenabwurf anzeigen können. Außerdem war Strom teuer, so dass man ihn nur benutzte, wenn es unbedingt notwendig war.

Mein Vater war in der Armee, irgendwo weit weg in Europa, und meine Mutter war nervlich angespannt. Sie war eine junge Frau Mitte zwanzig mit einem kleinen Mädchen und einem Neugeborenen. Sie wollte, dass sich jemand um sie kümmert, aber es war niemand da, der das tat. Sie weinte sehr viel, und wenn die Sirenen gingen, um vor einem Luftangriff zu warnen, schrie sie vor Angst. Ich fühlte mich immer verantwortlich für sie, so als ob ich ihre Mutter sein und auf sie aufpassen sollte. Aber ich war erst drei, dann vier, dann fünf und sechs Jahre alt und wusste nicht wie, außer dadurch, dass ich ihr nicht zur Last fiel.

Am Anfang fanden die Bombardements in der Nacht statt .Meine Mutter sagte mir, dass ich ganz schnell einen Mantel oder einen Pullover und Schuhe anziehen und runterlaufen sollte. Ich versteckte mich für gewöhnlich unter dem Küchentisch, bis sie sich selbst und das Baby angezogen hatte. Dann rannten wir immer durch den langen, engen Garten zum Schutzraum. Es schien immer Nacht und dunkel zu sein, wenn die Sirenen aufheulten und klagten.

Der Schutzraum war einfach ein aus ein paar Wellblechplatten zusammengesetzter Schuppen mit einem Schrägdach, der an der steinernen Gartenwand stand. Er hatte einen dreckigen Fußboden und zwei Holzbänke zum Hinsetzen, keine Heizung und kein Licht. Mutter brachte Kerzen mit, sofern sie daran dachte, oder wir saßen im Dunkeln. Wenn ein Fremder auf der Straße war, wenn die Sirenen angingen, konnte er an jeder Haustür klopfen und wurde in den Schutzraum gebracht, dort konnte er die Nacht verbringen.

Mutter beschwerte sich immer über die Rationen. Sie war keine sehr gute Köchin und wusste nicht, wie man exotische Sachen wie Pudding oder irgendwelche Süßigkeiten zubereitet, also hatten wir sehr einfaches Essen. Meistens etwas Gekochtes oder Gebratenes. Es gab auch oft gar nichts zu essen und wir gewöhnten uns daran zu hungern.

Eines Nachmittages ging ich ans andere Ende des Gartens und fand ein paar Kisten, so dass ich auf das Dach des Schutzraumes klettern konnte. Von dort aus konnte ich auf die Steinmauer zwischen unserem und dem Garten der alten Frau von nebenan klettern. Sie hatte einen Birnbaum, an dem Früchte hingen. Mit einem langen Stock konnte ich ein paar Äste erreichen und sie über die Wand lenken. Dann pflückte ich die Birnen und warf sie in unseren Garten. Sie sah mich aus dem Fenster, drohte mir mit ihrem Stock und befahl mir, ihre Birnen in Ruhe zu lassen. Ich rutschte schnell von der Wand und dem Dach hinunter auf die Kisten und dann zurück in die Sicherheit. Huh! Knapp entkommen und fünf wunderbare Birnen zu essen. Ich aß drei Stück sofort auf und nahm zwei mit hinein und gab sie meiner Mutter.

Andere Diebstähle ereigneten sich. Am Rande des Gartens war ein Tor zu einer Gasse. Auf der anderen Seite der Gasse war ein Zaun, hinter dem Züge vorbeifuhren. Der Bahnhofswärter hatte dort eine kleine Hütte und zwischen den Gleisen und dem Zaun pflanzte er Erdbeeren an. Erdbeeren! Schöne, rote, süße Erdbeeren, mitten in der Stadt! Unglaublich. Mit einem gebogenem Stock und viel Geduld konnte ich sehr langsam Triebe nah genug heranziehen, um so meine Finger durch den Zaun zu stecken und eine Erdbeere zu pflücken. Sie war so köstlich! Himmlisch! Aber dann sah mich plötzlich der Bahnhofswärter und kam mit erhobener Faust heraus und schrie "Lass meine Erdbeeren in Ruhe!", und ich floh in die Sicherheit unseres Gartens.

Die Stadtoberen schickten damals regelmäßig Leute (Frauen mit kleinen Kindern) zur Sicherheit aufs Land, raus aus der Stadt. Während einer unserer Aufenthalte außerhalb der Stadt wohnten wir mit einer Frau und ihren vier Töchtern zusammen in einem großen Bauernhaus. Diese vier hübschen Töchter wurden von amerikanischen Soldaten ausgeführt und eines Tages brachte einer der Soldaten eine außergewöhnliche Delikatesse mit ins Haus. Es war etwas, was ich noch nie und die Mädchen seit vier oder fünf Jahren nicht mehr gesehen hatten - eine frische Orange. Die Orange wurde geschält, während jeder um den Tisch herum stand und zuschaute. Danach wurde sie vorsichtig in Stücke aufgeteilt und jeder bekam ein Stück. Zuerst leckten wir daran, dass kein Tropfen verloren gehen konnte. Dann knabberten wir daran, ließen den Saft langsam in unseren Mund tropfen und ließen ihn dort. Bloß nicht zu schnell hinunter- schlucken! Dann knabberten wir wieder daran, bis dann das Stückchen weg war. Wie schrecklich, dass nichts mehr da war! Als er sah, was für ein großer Erfolg sein Geschenk war, entschied der Soldat, den Helden zu spielen.

Ein paar Tage später kam er mit einem Freund und einem ganzen Karton geschnittener Dosenpfirsiche zurück.12 Dosen! Wahnsinn! Was sollte man mit so einer Beute machen? Wichtige Gespräche fanden statt. Vorschläge wurden gemacht und verworfen. Schließlich wurde der Karton, mit Ausnahme einer Dose, in den Keller gebracht und unter einem Kohlehaufen vergraben, während jeder dabei zuschaute. Danach schwor jeder, das geheim zu halten. Keiner durfte erzählen, was da versteckt war.

Es verging einige Zeit, bis eines Tages jemand an die Tür klopfte - Militärpolizei. Sie wollten im Haus nach gestohlener Ware aus dem PX suchen. Mein Herz raste…..würden wir ins Gefängnis gehen? Was würde wohl passieren? Sie suchten überall, aber sie wollten nicht schmutzig werden vom Umschichten des schwarzen, dreckigen Kohlehaufens und so blieben die Pfirsiche unentdeckt. Aber wir fühlten uns jedes Mal schrecklich schuldig, wenn eine Dose geöffnet wurde, und es verdarb uns die Freude, die süßen Stückchen zu essen.

Pamela
10th October, 2001

Translated by : Hannes Eberl
Betreuung:
Dietmar Rößler
Ickstatt - Realschule Ingolstadt

Pamela is a member of the TIMEWITNESSES Panel of Elders and you can write and ask her questions if you click here.


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