Dots Geschichte

English version here.

Das Zuhause

Photograph of child DotWir lebten in diesem städtischen Sozialbau. Es gab dort ein Badezimmer mit einem wirklichen Bad. Da wir aber kein heißes Wasser hatten, stand dort ein Kessel in der Ecke.  Wir füllten diesen Kessel mit Wasser und machten unten ein Feuer an, Kohlefeuer. Wir erhitzten das Wasser und schütteten es dann  in einen Eimer oder in irgendein Gefäß und dann  in die Wanne. Doch das war teuer, und deshalb machten wir das nicht zu oft. Damals wohnten mein Vater, mein älterer Bruder und ich in dem Haus.

Ich glaube, ich muss Ihnen das jetzt erzählen: meine Mutter war, wie man das damals sagte, weggelaufen - weil es damals keine Trennung oder Scheidung gab. Wenn sie weglaufen wollten, gingen sie einfach. Sie warteten, bis alle in der Nacht tief schliefen, oder sie taten es mitten am Tag, wenn alle bei der Arbeit waren, und dann rannten sie weg. Meine Mutter flüchtete von Lincolnshire nach London. Warum ich Ihnen das jetzt erzählt habe? Keine Ahnung - ah, es war wegen Phil. Wir, mein Vater, mein Bruder und ich, zogen dann aus der Wohnung aus, in der wir wohnten, aus diesem Drecksloch gleich neben dem Stahlwerk.

Wir zogen dann in diesen komfortablen städtischen Sozialbau, der ein Bad hatte und ein Klo. Sie wissen schon, eines, bei dem man nur an einer Kette ziehen mußte, und schon strömte Wasser durch das Rohr herunter. Das Klo war zwar immer noch draussen im Hinterhof, klar, aber es hatte eine Spülung. Dazu hatten wir im Haus fließendes Wasser und Wasserhähne, an denen man nur zu drehen brauchte, um zu jeder Zeit Wasser zu bekommen. Mein Bruder und ich konnten es kaum glauben, als wir das Haus zum ersten Mal sahen. Dieses Haus hatte Türen, die schlossen, und intakte Fenster, die sich öffnen ließen. Und es hatte Treppen. Glauben Sie mir, wir hatten noch niemals zuvor Treppen gesehen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir die Stufen hoch und runter rannten, hinein in das Badezimmer, um uns einen winzigen Schluck Wasser aus dem Stöpsel der Wanne zu gönnen. Nun, dieser ganze Luxus war eben eine andere Welt für uns.

Als meine Mutter uns verlassen hatte, beschäftigte mein Vater Haushälter, die kamen und sich um uns Kinder kümmerten. Als wir in diese Sozialwohnung einzogen, waren da nur noch mein Bruder und ich. Meine zwei älteren Schwestern waren schon von zu Hause weggegangen und auch mein anderer großer Bruder, der viel älter war -  sie  wirkten auf uns damals wie alte Leute - sie waren alle weggegangen. Nur mein Bruder und ich waren da; da waren also nur noch Vater, ich und Phil, den ich gerade schon erwähnt habe.

Es war dann soweit, dass mein Vater jemanden brauchte, der ihm dabei half, sich um uns zu kümmern, weil er ja im Stahlwerk arbeiten mußte. Er ging morgens um halb acht aus dem Haus und kam abends nicht vor halb sechs zurück. Wir mussten zur Schule gehen. Wir mussten für die Schule zurecht gemacht werden, und jemand mußte uns Essen machen. Ich weiss nicht, wie unser Vater das machte, aber er inserierte in Zeitungen, um einen Haushälter zu bekommenn,  und davon hatten wir dann eine ganz Reihe. Einige waren ganz lustig, andere pathetisch. Schließlich landeten wir bei einem gewissen Phil, der taub war.
 

(Übersetzt von Sven Hanold, Ulm, Germany)

Dot Baker

Dot hat noch weitere Geschichten über ihre Kindheit geschrieben::


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