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Romuald Lipinski's Geschichte

Polen - Sibirien 1941; Das Klopfen an der Tür

Photo of Romuald and brother Dieses Foto zeigt mich und meinen älteren Bruder Tadeusz - es wurde vor dem Krieg gemacht, bevor wir nach Russland deportiert wurden.

Die Soldaten kamen am 19. Juni 1941, ca. um 02.30 Uhr, ein Offizier von der NKVD und zwei Gefreite. Sie klopften nur einmal und kamen dann herein. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich aufweckte, und sofort begriff ich, was passiert war. Sie sagten uns, dass wir das Wichtigste, was wir brauchten, zusammenpacken und in einer Stunde fertig sein sollten. Es war die Nacht vom 19. auf den 20. Juni 1941.

Wir packten unsere Habseligkeiten, einige Kartoffeln, Kleider, etc., und meine Mutter fragte , ob sie einige Herzmittel mitnehmen könne. Der Offizier verweigerte es.

Meine Mutter fragte, ob wir die Matratzen mitnehmen können, welche wir gerade vor dem Krieg gemacht haben. Zu unserer Überraschung erlaubte der Offizier diese mitzunehmen. Wir waren die letzten in ihrem Rundgang für diese Nacht und sie hatten noch Platz auf ihrem LKW, des-halb hatten sie nichts dagegen.

Wir wurden zu einem Bahnhof gebracht, wo auf den Nebengleisen Güterwagen warteten . Es stand ein langer Güterzug bereit, die Güterwagen mit Eisenstangen in den Fenstern und Leute, die aus der ganzen Umgebung hergebracht wurden,. Die meisten waren direkt von Brzest-Litovsk, manche kamen aber auch aus den benachbarten Orten.

Die meisten Familien waren ohne Männer: Sie waren entweder früher verhaftet oder in der Zeit der Abschiebung getrennt worden. In unserem Fall hatten wir Glück: Mein Vater war anscheinend zu alt um irgendeine Gefahr für die Sowjetunion darzustellen. Aber dennoch, wenn ich jetzt darüber nachdenke, kenne ich Leute in seinem Alter, die verhaftet oder von ihren Familien getrennt wurden. Ich schätze, es war pures Glück.

Wenn ich über die Gründe für die Auswahl der Deportierten nachdenke, finde ich keine. Es scheint keine zu geben. Es waren Leute aus allen sozialen Schichten: Junge, Alte, Arme, Reiche, Gebildete, Dumme, Kinder (siehe oben), Erwachsene. Mit anderen Worten, jeder. Dort war eine Familie von Russen, zwei Schwestern mit ihren Kindern, ihre Ehemänner wurden zuvor gefangen genommen. Ihre Ehemänner (wenigstens einer von ihnen) waren Anwälte. Sie sprachen Russisch untereinander. Dort war auch ein russisch-orthodoxer Priester mit seinem Sohn.

In unserem Güterwagen waren ca. 50 Leute. Wir wurden den ganzen 21. Juni an der Bahnstation festgehalten. Sie ließen uns ein paar mal raus zu den Bahnhofslatrinen . Als ich mit meinem Vater ging (Männer wurden separat von den Frauen hingebracht) schauten wir uns gegenseitig an: Es wäre einfach wegzulaufen und uns in einem der Häuser der Eisenbahnangestellten zu verstecken. Aber Mutter war noch auf dem Zug und wir konnten sie nicht ganz allein zurücklassen. Wir gingen zurück. Leute kamen zum Zug um Sachen wie Essen, Kleider zu bringen und um ihr Mitleid auszudrücken. Aber zu dieser Zeit war unsere Stimmung gut. Keine Verzweiflung!

Romuald Lipinski
19th April, 1998

Übersetzung: Maximilian Lerchl
Betreuung: Dagmar Hornig
Ickstatt - Realschule Ingolstadt

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